Eindrucksvoller Schulterschluss für mehr Prävention

Der Patientenkongress „Volkskrankheit Schlafapnoe“ 2005 in Gerlingen

 

Am 5. November 2005 trafen sich rund 600 Betroffene und Fachleute zum Gerlinger Patientenkongress. Eingeladen hatten wieder „das Schlafmagazin“ und die Klinik Schillerhöhe in Zusammenarbeit mit den Bundesverbänden BFS, BSD, GSD und VdK. Thema: „Wenn Schnarchen gefährlich wird. Volkskrankheit Schlafapnoe – Diagnostik & Therapie der Zukunft“. Geboten wurden eine hochkarätige Vortragsreihe und eine Fachausstellung:

 

Nachfolgend eine Zusammenfassung aus den Diskussionsbeiträgen:

 

„Erst jetzt, in Zeiten massiver Sparzwänge, hat man entdeckt, was es kostet, Schlafstörungen nicht zu behandeln.“ Was der Regensburger Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley in diese einprägsame Formel brachte, konnte Privatdozent Dr. Friedhardt Raschke (Norderney) in seinem Vortrag über die volkswirtschaftlichen Kosten einer nicht therapierten Schlafapnoe mit harten Zahlen untermauern: Die korrekte Diagnose und Behandlung sämtlicher, auch der hochgerechneten Fälle von Schlafapnoe in Deutschland würde jährlich 45 Millionen Euro kosten, zugleich aber dem Gesundheitssystem Einsparungen von 359 Millionen Euro im Jahr bringen.

Schlafapnoe-Patienten nicht adäquat zu diagnostizieren, um Geld einzusparen, ist also eine „Milchmädchenrechnung“. Vor diesem Hintergrund ist, wie Dr. Raschke eindrucksvoll darlegte, auch die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses vom 15.6.2004 sehr kritisch zu sehen. Die Richtlinie sieht vor, eine Polysomnografie zur Diagnose einer schlafbezogenen Atmungsstörung nur noch in „problematischen“ Fällen durchzuführen, wenn trotz ambulanter Polygrafie keine Entscheidung gefällt werden kann, ob eine Therapie mit CPAP oder anderen Verfahren erforderlich ist. Eine Polygrafie – so Raschke – kann die Polysomnografie als diagnostisches Instrument aber niemals ersetzen; denn sie kann zwar verschiedene wichtige Parameter wie beispielsweise Schnarchen, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung messen, nicht aber den Schlaf selbst mit seinen verschiedenen Stadien. Daher lässt sie beispielsweise auch keine Rückschlüsse auf die Erholsamkeit des Schlafs zu. Angesichts der hohen Risiken und Folgeerkrankungen der Schlafapnoe wäre es kontraproduktiv, an der Diagnostik und Betreuung ausgerechnet dieser Patienten zu sparen.

Sehr schön zeigte dieses Problem schon ein Film des Schlafmagazin-Herausgebers Werner Waldmann: Der halbstündige Streifen „Volkskrankheit Schlafapnoe“ führte aufrüttelnd vor Augen, welch verheerende Folgen eine nicht oder spät erkannte bzw. unzulänglich therapierte Schlafapnoe für das Privatleben der Patienten, in der Arbeitswelt und für die Kranken- und Rentenversicherungen hat.

 

 

Der Regierung ständig auf die Füße treten...

 

Kein Wunder, dass schon die Grußworte zum Teil politisch wurden. So beklagte Hubert Seiter, Direktor der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, die Einschränkungen der Prävention durch den Gesetzgeber, der beharrlich ignoriere, wie unvertretbar teuer die Behandlung von Spätfolgen einer untherapierten Schlafapnoe kommt: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Störungen sowie Produktionsausfälle und Schäden durch Unfälle wegen Übermüdung und Sekundenschlaf – das geht in zweistellige Milliardenbeträge.

Prominente Unterstützung bekam Seiter von Walter Hirrlinger, dem Präsidenten des VdK Deutschland. Der Sozialpolitiker bekräftigte, man müsse „jeder Regierung ständig auf die Füße treten und sie daran erinnern, dass hinter all diesen Zahlen immer Menschen stecken“. Der Mensch hat im Mittelpunkt der Medizin zu stehen, aber auch im Mittelpunkt einer Politik, die schließlich den Auftrag hat, für das Gemeinwohl zu arbeiten.

In die gleiche Kerbe schlug aus medizinischer Sicht Prof. Matthias Leschke, Leiter der Städtischen Kliniken Esslingen, mit seinem Vortrag über die Folgeerkrankungen eines schlecht oder nicht therapierten Schlafapnoe-Syndroms: Bluthochdruck, Arteriosklerose, Herzrhythmusstörungen, Diabetes – und letztendlich ein drastisch erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko.

 

 

Breites Themenspektrum

rund um Schlafapnoe-Therapie und -Diagnostik

 

Abgesehen vom wichtigen gesundheitspolitischen Aspekt deckten die Vorträge ein breites Themenspektrum rund um die Diagnostik und Therapie des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms (OSAS) ab: Der Stuttgarter Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Chirurg Professor Helmut Steinhart stellte die verschiedenen HNO-ärztlichen Maßnahmen bei Schlafapnoe vor, berichtete ausführlich über Chancen und Risiken und erläuterte, welche Maßnahme für welchen Patienten sinnvoll sein kann.

Dr. Susanne Schwarting, 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft Zahnärztliche Schlafmedizin e.V. (vormals: Deutsche Gesellschaft schlaftherapeutisch tätiger Zahnmediziner e.V.) aus Kiel, berichtete über die Therapie von Schnarchen und Schlafapnoe mit Unterkieferprotrusionsschienen (sog. zahnärztlichem Schnarchschutz). Weitere Vorträge waren dem wichtigen Thema „Schlafapnoe im Kindesalter“, der Titration und Therapie des OSAS mittels autoCPAP und dem Schlafapnoe-Screening in einem Verkehrsbetrieb (den Wuppertaler Stadtwerken) gewidmet.

 

 

Hinter jeder Maske steckt ein Mensch

 

Auch die große Industrieausstellung demonstrierte das breite Spektrum verschiedener Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten der Schlafapnoe. Und getreu dem Motto „Prävention“ konnten die Besucher auch gleich vor Ort einiges tun, um ihre individuellen Gesundheitsrisiken besser einzuschätzen: An einem Stand der Städtischen Kliniken Esslingen konnten sie ihren Blutdruck messen und ihre Halsschlagader per Ultraschall auf arteriosklerotische Ablagerungen untersuchen lassen – ein wichtiger Hinweis auf ein erhöhtes Schlaganfall-Risiko.

Die Klinik Schillerhöhe bot Lungenfunktionsprüfungen an; die Firma AMtech aus Weinheim führte Pupillografische Vigilanztests durch, mit denen sich in Minutenschnelle die Tagesschläfrigkeit der Probanden messen auswerten lässt. Und Schnarcher, die den Verdacht haben, an nächtlichen Atemstillständen zu leiden, hatten sogar die Möglichkeit, mit einem kleinen Diagnosegerät namens microMESAM® von der Firma RESMED nachts bei sich zu Hause eine Screening-Untersuchung durchzuführen, die eine erste Verdachtsdiagnose auf das Vorliegen einer Schlafapnoe gibt – ein Angebot, das auch von vielen Kongressteilnehmern gern genutzt wurde.

Nicht nur während der Mittagspause waren die Stände von Fachindustrie, Sanitätshandel, Verbänden und Selbsthilfegruppen von Besucherscharen umlagert. Schon hier fiel die Bedeutung der Selbsthilfegruppen ins Auge. „Hinter jeder Maske steckt ein Mensch“ stand in großen Lettern über dem Stand des VdK, und dementsprechend wurden ständig Beratungsgespräche mit Betroffenen geführt. Die Selbsthilfegruppen füllen nach wie vor in mühevoller Kleinarbeit und selbstlosem Einsatz große Lücken des „offiziellen“ medizinischen Betriebs in Bereichen wie Patienteninformation, Aufklärung der Öffentlichkeit und politischer Lobbyarbeit. Wo Ärzte und Krankenkassen noch so erschreckende Defizite zeigen, ist die Arbeit der Selbsthilfegruppen unentbehrlich.

 

 

Die „Somnus“-Preisträger 2005

 

Die Bedeutung der Selbsthilfegruppen spiegelt sich auch in den Preisträgern des „Somnus“ wider, den Schlafmagazin-Herausgeber Werner Waldmann verlieh.

Hypnos heißt in der griechischen Mythologie der Gott des Schlafes –

der Bruder des Todes Thanatos, der Vater der Träume. Die Römer nannten ihn Somnus, und so heißt auch der Preis, den „das schlafmagazin“ dieses Jahr erstmals für herausragende Mitarbeit in der Selbsthilfe, für innovative technische Entwicklungen und für wissenschaftlich-publizistisches Engagement verlieh.

Der Preis an den „Selbsthilfegruppenleiter des Jahres“ wurde gleich viermal vergeben – um alle in der Selbsthilfebewegung Engagierten weiter zu ermutigen und zu begeistern, damit sie in ihren Bemühungen nicht nachlassen. Aber auch, um ein Zeichen zu setzen: Denn dieser Preis soll auch etwas Verbindendes sein, soll Gräben und Differenzen – die es immer noch hier und da geben mag – überbrücken helfen, soll unterschiedliche Temperamente vereinen. Er will einerseits Dank sagen für geleistete Arbeit; andererseits aber will er diejenigen, die Schlüsselrollen einnehmen, auch dazu ermutigen, trotz verschiedener Flaggen, unter denen die einzelnen Verbände noch segeln, trotz verschiedener Temperamente und Detailansichten den Schulterschluss mit den vermeintlichen Konkurrenten zu suchen. Denn nur gemeinsam können wir unsere Ziele erreichen.

Und so erhielt Rudolph Taugerbeck vom Landesverband Baden-Württemberg Schnarchen – Schlafapnoe e.V. den Preis für seine unermüdliche Basis- und Netzwerkarbeit in lokalen Selbsthilfegruppen, deren Zahl von Jahr zu Jahr wächst. Er interessiert Medien für das Thema und lenkt die Aufmerksamkeit psychologisch klug schon auf das Schnarchen – denn der Begriff „Schlafapnoe“ ist in der Öffentlichkeit leider nach wie vor noch nicht so geläufig. Außerdem sind auch nicht-pathologische Schnarcher eine immense Zielgruppe und haben oft aus psychosozialen Gründen Hilfe nötig.

Der zweite Preisträger heißt Hajo Schneider, Vorsitzender des Bundesverbandes Schlafapnoe Deutschland (BSD): ein politischer Profi und ein Kommunikationstalent, das zeigt, wie man durch Zusammengehen mit anderen Verbänden die Kräfte bündelt.

Den dritten Preis erhielt Reinhard Müller, Bundessprecher des VdK (eines der bedeutendsten Sozialverbände Deutschlands) für sein unermüdliches Bemühen, die breite Öffentlichkeit ebenso wie Entscheidungsträger in Politik und Industrie immer wieder auf die Bedürfnisse der Patienten hinzuweisen.

Der vierte „Somnus“ schließlich wurde Johann Häcker vom Bundesfachverband Schlafapnoe/Atemstillstand und Chronische Schlafstörungen e.V. für sein Lebenswerk als „Urgestein der Selbsthilfebewegung bei schlafbezogenen Atemstörungen“ verliehen. Auch die Rolle des Unbequemen aus Leidenschaft für Patientenbelange muss besetzt sein, und sie ist mit Häcker sicherlich ebenso emotional wie auch technisch-fachlich glänzend besetzt. Ohne Johann Häcker, dessen Anregungen und dessen Kritik hätte sich die CPAP-Technik nicht bis zum heutigen Stand entwickelt.

Einen „Somnus“ für technische Innovation erhielt die ResMed AG für das Screeninggerät „microMESAM“, mit dem eine erste Schlafapnoe-Diagnose ebenso einfach wie kostengünstig ambulant möglich ist.

Ebenfalls ein Preis ging an Prof. Jürgen Zulley als „Schlafmediziner des Jahres“ 2005, der als einer der Ersten die Zusammenhänge zwischen Schlaf und biologischen Rhythmen erforschte und seit 1993 das Schlafmedizinische Zentrum am Universitäts- und Bezirksklinikum Regensburg als Professor für Biologische Psychologie leitet. Bemerkenswert an Zulleys Arbeit ist vor allem, wie glänzend er es versteht, der Öffentlichkeit wissenschaftliche Erkenntnisse über das Wesen des Schlafs (und Möglichkeiten zu dessen Verbesserung) in allgemeinverständlicher, mitreißender Sprache zu vermitteln.

Einen Sonderpreis erhielt Prof. Rainer Dierkesmann, Ärztlicher Leiter der Klinik Schillerhöhe (Gerlingen), für sein persönliches Engagement und seinen wissenschaftlichen Rat, mit dem er die Patientenzeitschrift „das schlafmagazin“ von Anfang an begleitet hat.

Angesichts des großen Erfolges dieser Veranstaltung wird „das schlafmagazin“ auch im nächsten Jahr wieder zur gewohnten Zeit einen Patientenkongress zum Thema Schlafapnoe veranstalten, und man freuet sich schon heute auf möglichst viele Besucher – und natürlich auch auf Anregungen und Kritik!

 

Wir danken der Redaktion der Zeitschrift „das schlafmagazin“ für die Genehmigung zur Verwendung dieser Textpassagen und der Wiedergabeerlaubnis auf dieser Web-Site. Die Zeitschrift „das schlafmagazin“ wird übrigens in den Selbsthilfegruppen unseres Bundesfachverbandes von den Mitgliedern sehr geschätzt.

Sie kann in den Selbsthilfegruppen oder über den Verlag bezogen werden.