Ein Gespräch mit Prof. Rainer Dierkesmann, Ärztlicher Direktor der
Klinik Schillerhöhe, Gerlingen
Aus der aktuellen Ausgabe von „freier atmen – das Fortbildungsmagazin“
Das Gespräch führte Werner Waldmann
Warum wird eigentlich in letzter Zeit so viel über Feinstäube geredet?
Ganz so neu ist das Thema doch gar
nicht.
Nein, es ist sicher nicht neu. Diese Diskussion ist deshalb jetzt aufgekommen, weil die EU vor fünf Jahren eine Direktive erlassen hat, die zum 1.1. 2005 aktiv geworden ist. In dieser Direktive werden erstmals
Grenzwerte für Stäube
festgelegt und keine
Richtwerte. (Richtwerte
sind Werte, die zwar Empfehlungscharakter
haben, an die man sich aber nicht unbedingt halten
muss, während man sich an Grenzwerte per Gesetz halten muss.) Dadurch geraten jetzt viele
Kommunen in Schwierigkeiten, weil sie die Grenzwerte, die von der EU vor über
fünf Jahren festgelegt
wurden, von fast keiner Kommune
eingehalten werden können.
Weiß man eigentlich, wie diese Feinstäube im Körper
wirken?
Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, weil
man hier differenzieren muss. Feinstäube setzen sich aus Stäuben unterschiedlicher Größe zusammen, und es hängt sehr von der Größe dieser einzelnen
Staubpartikel ab,
was sie im Körper bewirken und
wo sie überhaupt
hingelangen können. Die PM10“ der EU-Direktive sind Stäube, die maximal einen Durchmesser
von 10 Mikrometern
haben, aber auch alle Stäube, die im Durchmesser darunter
liegen.
Nun weiß
man aber, dass beispielsweise Stäube
mit 2,5 Mikrometern Durchmesser sich anderes
verhalten als die
mit einem Durchmesser von 10 Mikrometern. Und die
ultrafeinen Stäube verhalten
sich wiederum anders, sodass eine pauschale Aussage, was mit diesem Staubgemisch
von maximal 10 Mikrometern geschieht,
eigentlich gar nicht
möglich ist.
Bei den Stäuben mit 10
Mikrometern Durchmesser ist es nur mäßig
wahrscheinlich, dass
sie überhaupt in der Lunge ankommen. Alles, was kleiner als 10 Mikrometer
ist, hat eine bessere Chance:
Je kleiner die Feinstäube sind, desto eher gelangen sie in die Lunge. Deshalb gelangen Stäube
mit 2,5 Mikrometern
Durchmesser weiter in die Außenzone der Lunge als beispielsweise
diejenigen mit 10
Mikrometern Durchmesser. Um die Sache noch komplizierter
zu machen: Die ganz feinen Stäube, die in ihrem Durchmesser unter
1 Mikrometer liegen, gelangen wiederum
kaum in die Außenzone der Lunge.
Deshalb muss man die Frage, was diese Feinstäube
im menschlichen Körper
anstellen können,
für diese verschiedenen Gruppen von Staubgrößen differenzieren.
Man kann sagen,
dass die Stäube mit einem Durchmesser von 2,5 bis 10 Mikrometern sich
vorwiegend in den
Atemwegen niederlassen
und dort dann auch Probleme verursachen
können. Es kann also sein, dass sich bei jemandem, der empfindliche
Bronchien hat, also etwa einem Asthmatiker, Asthma
verschlechtert. Diese
Stäube werden aber
dann von den Bronchien langsam wieder
hinaustransportiert, verschluckt
und entsorgt.
Die ganz feinen
Stäube kann unser Abwehrsystem nicht erkennen, und so ist es möglich, dass diese Stäube einfach durch
eine Zelle hindurchwandern. Sie können also beispielsweise innerhalb
der Zelle Schaden
anrichten; oder
sie gelangen über
die Lunge in die Blutbahn und können dann auf diesem Weg überallhin gelangen, auch zum Herzen. Es gibt erste Untersuchungen, die
zeigen, dass die ganz feinen Stäube
Herzrhythmusstörungen hervorrufen oder zumindest verstärken. Sie können beispielsweise auch an
den Nerven der Nase entlang bis ins Gehirn wandern und möglicherweise auch
dort ihr Unwesen
treiben. Das ist allerdings bisher reine Spekulation.
Wir wissen noch nicht, ob im
Gehirn durch diese Stäube wirklich ein
Schaden entsteht.
Aber dass sie ins Gehirn gelangen, weiß man.
Ich habe in einer amerikanischen Studie
gelesen, dass es bei einer hohen Konzentration von
Feinstäuben in der
Luft vermehrt zu
Herzinfarkten kommt.
Es kommt auf jeden Fall vermehrt
zu Herzrhythmusstörungen, und diese Herzrhythmusstörungen sind auch eine Belastung
für das Herz, so dass daraus auch mehr Herzinfarkte resultieren können. Es gibt Untersuchungen,
die herauszufinden versuchten, woran
Menschen, die hohen Staubbelastungen ausgesetzt
sind, sterben. Dabei hat sich
ergeben, dass diese Stäube gesunden Menschen
wahrscheinlich gar nichts
ausmachen, sondern nur
kranken. Ein gesunder Mensch bekommt
durch die Stäube
keinen Herzinfarkt.
Doch jemand, der
bereits relevante Vorerkrankungen
oder Störungen im
Herz-Kreislauf-System hat, bei dem können sich diese Störungen verstärkten,
und dann kann es auch zu einem vorzeitigen Tod
kommen.
Ist es denkbar, dass diese Feinstaubpartikel auch andere
Moleküle von chemischen
Substanzen transportieren?
Das tun sie sicherlich, obwohl auch
das wieder unterschiedlich
ist. Zu den Feinstäuben gehören
zum Teil ja auch Metallfeinstäube. Diese Metallstäube lagern wahrscheinlich
keine weiteren Moleküle an; aber ganz feine Metallstäube
sind an und für sich schon giftig. Sie können in unseren Zellen
alles Mögliche anrichten und bei
einzelnen Zellen,
zu denen sie hinwandern, vielleicht
auch zum Zelltod führen. Rußpartikel hingegen haben eine relativ unregelmäßige
Oberfläche, und an
diese Oberfläche können
sich sehr viele
Substanzen aus der Luft anlagern: Säuren, Stickoxide oder SO2 .
Man weiß heute auch, dass diese
Anlagerung eine sehr
feste Bindung ist, sodass, wenn diese Stäube sich beispielsweise
auf den Bronchien
niederlassen, es
sehr fraglich ist, ob sie die angelagerten Moleküle
dann dort wieder
freigeben. Wahrscheinlich
bleiben diese Moleküle an den Stäuben kleben
und richten dann vermutlich
nicht allzu viel
Schaden an.
Auch in der Wohnung gibt
es ja viele Feinstäube. Darüber
wird gar nicht
gesprochen. Und
auch das Gesetz
kümmert sich nicht
darum.
Darum kann sich
das Gesetz auch
nicht kümmern. Und
wir sollten froh sein, dass wir auf dieser Erde überhaupt noch einen
Freiraum haben,
bei dem der Gesetzgeber nicht sofort wieder durchgreifen kann. Aber man muss sich natürlich auch
hinsichtlich der Abschätzung
der Wertigkeit der
Stäube auf der
Straße überlegen:
Welchen Staubbelastungen oder Umweltbelastungen ist der Mensch generell ausgesetzt?
Es könnte ja sein, dass wir zu Hause viel schlimmeren Belastungen
ausgesetzt sind als
draußen. Dann
wäre die EU-Direktive geradezu unsinnig.
Ganz so schlimm
ist es aber nicht: Zu Hause hat man üblicherweise
eine ähnliche Konzentration
an Stäuben, wie man sie auf der Straße oder vor dem Fenster hat. Wenn aber zu Hause irgendwelche Aktivitäten
stattfinden – dazu gehört natürlich
auch Staubsaugen
(mit oder ohne Filter, denn so feine Filter gibt es nicht, dass nicht auch Feinstäube hinten
wieder herausgepustet werden können), oder wenn man kocht, Würstchen brät, und natürlich auch wenn man raucht –, dann hat
man innerhalb der
Wohnung Feinstaubkonzentrationen, die sicherlich das
5- bis 10-fache
dessen betragen,
was die EU-Direktive
auf unseren Straßen zulässt.
Auch dazu gibt es
Untersuchungen. Eine
dieser Untersuchungen wurde vom Landesgesundheitsamt
Baden-Württemberg zusammen
mit dem Sozialministerium
im Programm Beobachtungsgesundheitsämter
durchgeführt. Diese
Beobachtungsgesundheitsämter haben die Aufgabe die Bevölkerung – insbesondere
Kinder – regelmäßig zu untersuchen,
um früh genug
festzustellen, dass
und wo vielleicht
ein Schaden auftritt. Im Rahmen dieser Untersuchungen hat
man auch Stäube
untersucht, allerdings
nur in einem geringen Umfang, und zwar sowohl außerhalb als
auch innerhalb der Wohnung. Aus dieser Untersuchung weiß man eigentlich ziemlich
genau, dass die Stäube von der Basisbelastung
her zu Hause sehr ähnlich sind
wie draußen,
aber dass innerhalb
der Wohnung Konzentrationsspitzenwerte auftreten, wie man sie draußen nicht
hat. Und diese Spitzenwerte halten
sich durchaus auch
ein bis 2 Stunden lang. Ich war
zunächst etwas erstaunt
über diese Spitzenwerte; aber wenn man etwas mehr darüber nachdenkt,
ist es eigentlich
gut zu verstehen. Jeder weiß schließlich, dass es
qualmt, wenn
man sich in einer
Pfanne etwas brutzelt.
Ein
weiteres Problem sind unsere Heizungen. Allein durch
die Heizung (besonders natürlich durch
die Ölheizung)
lassen wir auch
eine Menge Stäube
aus unserem Haushalt
in die Umgebungsluft. Und wenn man dann lüftet, kommen diese Stäube aus
dem Schornstein und
aus der Außenluft
dann auch wieder
in die Wohnung
hinein. Es gibt zwar auch
Wohnungen, die
mit Gas beheizt
werden, und bei Gasheizung hat man
deutlich weniger Feinstäube, als wenn man Öl verbrennt
(ungefähr die
Hälfte); aber
auch bei der Gasverbrennung
entstehen Feinstäube.
CPAP-Geräte
saugen ja viel Luft
an. Sie haben zwar Filter, aber nicht für Feinstäube.
Werden diese Stäube den Patienten denn
nachts dann nicht in konzentrierter
Form in die Lunge geblasen?
Dieses
Problem ist
vielleicht bei der CPAP-Therapie
nicht so groß. Denn ein großer Teil der Luft weicht ja aus
Mund oder Nase
oder seitlich aus der
Maske wieder
aus. Die Luft gerät nur beim Einatmen in die Lunge. Und bei dieser Einatmung hat
man auch bei einer CPAP-Therapie keine
höhere Konzentration an Stäuben als wenn man ohne
CPAP-Gerät einatmet. Die Luft, die das Gerät auspustet,
hat die gleiche Konzentration. Und man bekommt durch CPAP auch nicht mehr Luft in die Lunge. Deshalb halte
ich dies nicht
für ein so großes Problem.
Die Luft konzentriert
sich durch das
Gerät ja nicht. Die Konzentration
und die Luftmenge, die man einatmet, bleibt die gleiche.
Wie
unterscheiden sich Feinstäube in ihrem Schwebverhalten?
Ultrafeine Stäube schweben sehr lange, wahrscheinlich
tagelang, während
die 10 Mikrometer
großen Stäube (PM10), wenn keine große Luftbewegung herrscht, schon etwa nach einer Stunde
auf die Erde fallen. In der Luft bleiben
dann nur die mittleren
und die ultrafeinen Stäube übrig.
Und es gibt noch keinen konkreten
Verdacht, was
diese ultrafeinen
Stäube anrichten könnten?
Es gibt, wie gesagt, nur die eine Erkenntnis, dass Menschen,
die diesen ultrafeinen Stäuben ausgesetzt sind, eher an Herzkrankheiten starben
und weniger an
Atemwegserkrankungen. Dass Stäube insgesamt
zu einer erhöhten
Sterblichkeit führen, ist eigentlich
klar. Dass aber bei den ultrafeinen Stäuben gerade die Herz-Kreislauf-Erkrankung eine besondere Rolle spielt, hängt wohl schon damit zusammen, dass diese Stäube eben ins Herz transportiert werden
können. Ich glaube, dass dies über das Stadium der Spekulation
hinaus erwiesen ist. Immer noch unbekannt ist die
Größenordnung.
Es gibt
auch interessante Untersuchungen, die besagen dass ultrafeine Stäube Kindern weniger ausmachen als
Erwachsenen. Sie richten
auch nicht sofort
irgendwelche Störungen an. Wenn ich also ultrafeine
Stäube einatme, bekomme ich nicht
gleich irgendeine Krankheit
oder Funktionsstörung; sondern in der Regel erst in einem zeitlichen
Abstand von zwei bei bis drei Tagen,
während es bei
den gröberen Stäuben, die sich im Wesentlichen
auf den Atemwegen,
zum Teil auch
in der Außenzone
der Lunge niederlassen
(und dort in
der Regel auch
bleiben), zu sofortigen
Reaktionen kommt,
zum Beispiel zu
Asthmaanfällen an Tagen, an denen die Staubkonzentration
besonders hoch ist.
Es gibt auch
einen Verdacht,
dass diese Stäube
Krebs erzeugen könnten. Dieser Verdacht
ist aber bisher
nicht abgesichert – wenn sie ein karzinogenes Potential haben, dann sicher nicht in großem Umfang. Das scheint festzustehen. Dass sie in Einzelfällen
aber vielleicht doch
die Krebsentstehung fördern könnten, ist durchaus
möglich.
Was die erhöhte Sterblichkeit durch Feinstäube anbelangt, so sind es wahrscheinlich
schwer kranke Menschen, die dann vorzeitig sterben. Die Tragweite dieser
Erkenntnis lässt sich schwer abschätzen: Denn möglicherweise ist es, wenn bei hohen Feinstaubkonzentrationen
besonders viele schwer
kranken Menschen sterben, auch nur so, dass diese Menschen sonst
vielleicht 14 Tage später gestorben werden. Und natürlich kann es sehr tragisch sein, wenn ein schwer
kranker Mensch eine Woche vorzeitig stirbt. Es kann aber unter Umständen auch
eine Erlösung sein.
Auf welche Weise können Feinstäube Herzstörungen verursachen?
Man glaubt,
dass sie über das
Blut ins Herz
gelangen, dort
bis in die Zellen hineinwandern
und die Zellen
in ihrer Funktion
stören. Wenn
man sich vorstellt, dass solche Feinstäube beispielsweise ans Erregungsleitungssystem
kommen und dort
wichtige Zellen in
ihrer Funktion beeinträchtigen, indem
sie vielleicht zu
einer Entzündung führen, wird der elektrische Strom nicht
mehr richtig weitergeleitet, und dann kann das Herz nicht koordiniert schlagen. So kann es zu Herzrhythmusstörungen kommen. Aber das ist bis jetzt
nur reine Spekulation. Den genauen Mechanismus kennt man
noch nicht.
Mittlerweile sind ja beispielsweise Ideen wie die
City-Maut in der aktuellen Diskussion, außerdem die Ausstattung von
Dieselfahrzeugen mit. In der Diskussion sind außerdem Fahrverbote. Was halten
Sie von all diesen Maßnahmen?
Auch das muss man
differenziert sehen. Was die Rußfilter betrifft, im Prinzip ja; aber der
entscheidende Schritt ist eigentlich durch die Entwicklung neuer Motoren getan
worden. Wir können heute Motoren produzieren, die man als Reinluftgeräte oder
sogar als Luftreinigungsgeräte benutzen kann: Diese Motoren saugen vorne mehr
Stäube an, als sie hinten herausgeben. In dieser Entwicklung ist auch
Deutschland relativ weit vorne. Aber das kostet Geld. Den Verkehr in den
Städten zu reduzieren – an dieser Idee ist sicher im Prinzip etwas dran. Aber
der Effekt, den man damit erzielt, ist so gering, dass auch der gesundheitliche
Nutzen sehr gering ausfallen wird.
Man sagt der deutschen Industrie ja nach, sie habe
jahrelang geschlafen. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie nicht
dieser Meinung?
Nein, absolut nicht. Sie hat
gigantische Entwicklungen vorangetrieben. Ich hätte es zum Beispiel nie für
möglich gehalten, dass man ein Dieselfahrzeug zur Luftreinigung verwenden kann.
Das ist unglaublich. Und mich wundert auch, dass das nicht bekannt ist. Aber
das wurde auch erst in den letzten Jahren entwickelt. Und so etwas ist
natürlich auch nicht zum Nulltarif zu haben. Man muss sich überlegen, wie man
solche Entwicklungen angemessen umsetzen kann. Ein Projekt, das sich zum Ziel
setzt, in unserem Land durch neue Techniken in den nächsten 10-15 Jahren
kontinuierlich die Feinstaubbelastung reduzieren – das wäre die beste
Vorgehensweise.